Montag, 19 September 2016 14:28

"Die Volkshochschule muss politischer werden" - Interview mit Prof. Dr. Ulrich Klemm

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Im Rahmen eines Seminars „Erwachsenenbildung in der Einwanderungsgesellschaft“ bei Dr. Christian Boeser-Schnebel wurden verschiedene Interviews mit Bildungsakteuren geführt.
Prof. Dr. Ulrich Klemm ist Geschäftsführer des Sächsischen Volkshochschulverbandes und Honorarprofessor an der Universität Augsburg. Im Interview spricht er über den Prozess der Integration von Flüchtlingen und welche Rolle Zivilgesellschaft und Volkshochschulen dabei spielen.

Was sehen Sie in Anbetracht der aktuellen Situation, über Sprach und Integrationskurse hinaus als zentrale Aufgaben der Volkshochschulen für Asylsuchende?

Neben der sprachlichen Integration, stellt die berufliche Integration das zentrale und beherrschende Thema der nächsten Jahre dar. Die sprachliche und kulturelle Integration ist weitestgehend finanziell und organisatorisch abgedeckt. Die nächste große Herausforderung in der Migrationsgesellschaft wird sein, diese Menschen anschlussfähig an die berufliche Welt zu machen.


Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Zivilgesellschaft?

Mit der sprachlichen, kulturellen und beruflichen Integration ist die Akzeptanz der Mehrheitsgesellschaft verbunden. Hierbei ist ganz entscheidend, dass MigrantenInnen, Asylsuchende und Flüchtling Wege in die Gesellschaft finden und gleichzeitig müssen der Mehrheitsgesellschaft Wege aufgezeigt werden, um zu dieser „neuen“ Gesellschaft zu kommen. Ohne zivilgesellschaftliche Initiative wird ein gegenseitiger Integrationsprozess nicht funktionieren. In Sachsen beispielsweise, gibt es eine zivilgesellschaftliche Gegenbewegung, welche sich seit eineinhalb Jahren in Form von sogenannten Pegida-Montagsspaziergängen durch Dresden äußert, um gegen Migration und Integration zu protestieren. Ziel derer ist es, die Islamisierung Deutschlands zu verhindern, was gerade in Sachsen absurd klingt, da Muslime mit einem Anteil von 0,2% einen sehr geringen Teil der Bevölkerung ausmachen.


Aufgrund Ihrer Tätigkeit sowohl in Bayern, als auch in Sachsen, stellt sich die Frage wo Unterschiede zwischen den Bundesländern festzustellen sind, vor allem auch im Bereich der Angebote und der Wahrnehmung dieser, in den örtlichen Volkshochschulen?

Unterschiede sind auf zwei Ebenen festzustellen. Zum einen die gesellschaftliche Situation und zum anderen die Situation der Erwachsenenbildung. Zur gesellschaftlichen Situation: Es sind signifikante Unterschiede zwischen der gesellschaftlichen Verfasstheit von Sachsen und Bayern festzustellen. In Sachsen ist eine zunehmende Gewaltbereitschaft sowie ein zunehmender Rassismus spürbar. Das gefährliche hierbei ist, dass diese Gewaltbereitschaft sowie der Rassismus nicht mehr aus bestimmten Ecken und Rändern der Gesellschaft, sondern aus der Mitte kommt. Der Rassismus ist insbesondere in Sachsen und in den neuen Bundesländern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Ausprägung der Zivilgesellschaft ist ein weiterer gesellschaftlicher Aspekt, der West und Ost unterscheidet. Im Westen und in den alten Bundesländern gibt es eine ausgeprägte Zivilgesellschaft, das heißt es gibt eine Widerstandbewegung gegen Rassismus und Gewalt. Diese Zivilgesellschaft gibt es in diesem Maße im Osten noch nicht, das heißt, es gibt nur eine schwache zivilgesellschaftliche Gegenbewegung gegen rassistische und rechtsorientierte Strömungen. Als gutes Beispiel lassen sich die Pegida-Spaziergänge heranziehen. In Dresden nehmen ca. 5000 Personen an diesen „Pegida-Spaziergängen“, welche sich nicht als Demonstrationen bezeichnen, teil, jedoch lediglich ca. 500-600 Gegendemonstranten. In den alten Bundesländen oder auch in den Bundesländern um Sachsen herum, ist es oftmals umgekehrt: Da gibt es ca. 200 Pegida-Anhänger und ca. 2000 Gegendemonstranten. Folglich spielt die Zivilgesellschaft beim Thema Integration eine maßgebliche Rolle.
An Unterschieden auf der erwachsenenbildnerischer Ebene lässt sich feststellen, dass es in Sachsen zunehmend mehr Dialogformate gibt, das heißt, dass Ziel in der Erwachsenenbildung ist, unterschiedlichen Gruppen zusammenzubringen. Es geht nicht mehr nur um Belehrungsseminare und um Workshops, sondern, darum, wie die unterschiedlichen Positionen und Meinungen zusammengebracht werden. Im Extremfall: Wie kann ich überzeugte Pegida-Anhänger mit zivilgesellschaftlich-demokratischen Menschen zusammenbringen? Kann man diese konträren Parteien überhaupt an einen Tisch setzten? Was passiert dann? Wollen diese überhaupt miteinander reden? Diese Art der zivilgesellschaftlichen Diskursformate, ist vor allem in Sachsen eine große Herausforderung für die Erwachsenenbildung.


Gibt es derartige Angebote schon?

Die Volkshochschule Leipzig bietet seit ca. 5-6 Jahren solche Dialogformate an. Dies hängt vor allem mit engagierten einzelnen Personen zusammen. Gerade in Leipzig hat der ehemalige Leiter der Volkshochschule, Rolf Sprink, der Teil der 1989er Bewegung ist, aus einem sehr emanzipatorischen Kontext heraus derartige Dialogformate sehr früh eingesetzt. Aus der Wendezeit und der Auflösung der DDR heraus hat er die Erfahrung gemacht, dass es von enormer Bedeutung ist, dass auch Vertreter verfestigter Positionen miteinander ins Gespräch kommen.


Sehen Sie die Aufgabe der Integration an die Zivilgesellschaft als eine zu große Herausforderung und gibt es Entlastungsmöglichkeiten seitens der Erwachsenenbildung?

Es ist eine große Aufgabe. Es ist eine wichtige Aufgabe, es wird erst dann fatal, wenn gesagt wird „Pädagogik, löse dieses Problem“. Die Pädagogik und die Erwachsenenbildung können ein Baustein sein, in einem großen Mosaik mit vielen verschiedenen Bausteinen. Die Bildung ist dabei in jedem Fall ein wichtiger Baustein. Es gibt in der klassischen Erwachsenenbildung einen Klassiker: Fritz Borinski: „Der Weg zum Mitbürger“. Sein Ansatz stammt aus den 1950er Jahren und spricht von einer bürgerschaftlichen Bildungsarbeit. Nach Fritz Borinski ist die wichtigste Aufgabe der politischen Erwachsenenbildung, Wege zum Mitbürger zu finden. Das war sein Schlagwort aus den 1950er Jahren. Das scheint eine sehr kluge Formel zu sein, denn genau das brauchen wir jetzt: Wege der Mehrheitsgesellschaft zu MigrantenInnen und wir brauche Wege von MigrantenInnen in die Mehrheitsgesellschaft hinein. Diesen Ansatz nennt er eine bürgerschaftliche Erwachsenenbildung.


„Wenn die Volkshochschule langfristig als eine Schule der Integration verstanden werden will, muss diese politischer werden.“ – Was ist damit gemeint?

Wenn wir an Volkshochschule denken, dann denken wir an Makramee, Yoga und an Englisch für Fortgeschrittene. Die ursprüngliche Idee von Erwachsenenbildung und Volkshochschule ist aber immer eine politische Idee gewesen, nämlich die Gesellschaft in einen emanzipatorischen Kontext zu bringen. Aufklärung und Emanzipation, waren immer schon die Grundpfeiler der Erwachsenenbildung und der Volkshochschule. Im Laufe der Jahre, die Volkshochschule gibt es seit etwa 100 Jahren, hat sich dieses etwas nivelliert.
Yoga, Gewürzsträuße basteln und Allerheiligengestecke sowie Kochkurse kommen heute schnell in den Sinn, wenn man an Volkshochschule denkt, nicht mehr jedoch die ursprüngliche Idee der politischen Bildung. An dieser Stelle gibt es zwei Probleme: Zum einen muss aus den Volkshochschulen selbst heraus dieser Impuls kommen, denn in diesen ist man, was die politische Bildung anbelangt, etwas träge geworden. Volkshochschulen haben sich zunehmend auf Sprachen, Autogenes Training und Yoga konzentriert, weil diese auch für die Finanzierung ihrer Arbeit von Bedeutung sind. Mit politischer Bildung hingegen kann man kein Geld verdienen, Volkshochschulen müssen jedoch zunehmend stärker auf ihre Finanzierung blicken, was möglicherweise ein Grund für die Vernachlässigung der politischen Bildung sein kann. Mit der Konsequenz, dass die Volkshochschule von außen als eine sehr unpolitische Einrichtung wahrgenommen wird. Das zweite Problem kommt von außen, nämlich seitens der Bildungspolitik. Diese fasst die politische Bildung immer mit spitzen Fingern an. Es wäre Aufgabe der Bildungspolitik, die politische Bildung wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken und folglich mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Die Volkshochschule muss politischer werden, der Auftrag dazu ist da.

Geführt von: Eva Mayer und Teresa Rothenberger

Gelesen 907 mal Letzte Änderung am Montag, 24 Oktober 2016 11:36
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