Freitag, 30 Juni 2017 18:00

"ES GIBT NICHT DIE MUSLIME UND NICHT DIE ANDEREN" - INTERVIEW MIT UFUQ.DE

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Im Rahmen eines Seminars "Erwachsenenbildung in der Einwanderungsgesellschaft" bei Dr. Christian Boeser-Schnebel wurden verschiedene Interviews mit Bildungsakteuren geführt.

Ufuq.de ist ein anerkannter Träger der freien Jugendhilfe und in der politischen Bildung und Prävention zu den Themen Islam, Islamfeindlichkeit uns Islamismus aktiv.

Im Interview wird über die Entstehung, das Konzept sowie die Ziele im Hinblick auf die Gesellschaft von Ufuq.de gesprochen.

Aus welchem Kontext heraus entstand ufuq.de?

Der Verein ufuq.de ist ein zivilgesellschaftlicher Träger, der 2007 in Berlin gegründet wurde. Seitdem arbeitet er im Bereich von politischer Bildung, Jugendkulturen und Prävention. Die Lebenswelt vieler Muslim_innen hat sich in Deutschland insbesondere nach 9/11 durch wachsende Vorbehalte gegen diese stark verändert.  Daraufhin wurde ufuq.de immer wieder zum Umgang mit den Themen Islam, Islamfeindlichkeit und der Prävention von religiöser Radikalisierung angefragt. In Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte und Workshops für Jugendliche versucht ufuq.de für diese Themenbereiche zu sensibilisieren. „Wie wollen wir leben?“ ist die Leitfrage der Workshops, welche ausgebildete Teamer_innen mit den Jugendlichen, unabhängig von Religion und Herkunft, diskutieren. Dabei gilt das Interesse der Lebenswelten der Jugendlichen selbst: Welche Interessen und Wünsche haben junge Muslim_innen? Wie sehen sie sich selbst und andere? Welche Erfahrungen machen sie und wie leben sie ihren Glauben – wenn er ihnen denn überhaupt wichtig ist?

 

Wie sieht für Sie die gesellschaftliche Lage in Bezug auf die Flüchtlingskrise aus? Mit welchem Konzept reagiert ufuq.de?

 

Politische Aussagen und Medienbeiträge über Muslim_innen und den Islam sind angestiegen und beleuchten damit ein altbekanntes Thema: das Zusammenleben von Mehrheitsgesellschaft mit Minderheiten und der angemessene Umgang mit Zuwanderern. Wir als Pädagog_innen und Wissenschaftler_innen haben die Aufgabe fachlich kompetent die Situation zu bewerten und lösungsorientiert zu antworten. Das interministerielle Bayerische Präventions- und Deradikalisierungsnetzwerk gegen Salafismus arbeitet dabei in zwei Richtungen:

 

a)    Angebote für pädagogische Fachkräfte

 

Das Fortbildungskonzept richtet sich an Multiplikator_innen der Jugendarbeit, die sich informieren möchten, wie sie Ideologisierung im Vorfeld entgegenwirken können.

Die universelle Prävention bzw. Demokratieerziehung, für die wir als Fachstelle ufuq.de zuständig sind, soll aufklären, konkretisieren und Mittel bereitstellen, um mit Ängsten und Unsicherheiten besser umzugehen. Dabei wollen wir neue Perspektiven schaffen und dazu anregen, eigene Perspektiven zu hinterfragen.

 

b)    Angebote für Jugendlichen

 

Aufgabe von ufuq.de ist es, Informationen und Arbeitsmaterialien zur Bearbeitung des Themas im pädagogischen Bereich bereitzustellen für bzw. über Jugendliche, die noch nicht ideologisiert sind. Der Schwerpunkt liegt auf den Themen Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus. Die extra dafür entwickelten Arbeitsmaterialien werden entweder innerhalb der Workshops durch die Teamer_innen eingesetzt oder eben an Fachkräfte zur Arbeit mit Jugendlichen weitergegeben.

Unterstützung bei der indizierten Prävention bzw. Deradikalisierung leistet in Bayern das Violence Prevention Network, welches ebenfalls ein Kooperationspartner des Bayerischen Präventions- und Deradikalisierungsnetzwerks ist. Im Unterschied zu ufuq.de arbeitet die Beratungsstelle mit bereits ideologisierten Jugendlichen.

 

Sie sind jetzt seit ca. einem Jahr hier. Wie sind Sie hier in der Fachstelle Bayern aufgestellt?

Bei uns wird Pluralität nicht nur gepredigt, sondern auch ausgelebt. Dies sieht man auch an der Zusammensetzung unseres Teams. Wir haben unterschiedliche Expertisen aus dem sozial- und religionswissenschaftlichen Bereich wie auch Pädagog_innen. Es gibt sowohl Kolleg_innen, für die Religion wichtig ist, als auch Kolleg_innen, für die es keine große Rolle spielt. Wie in der Gesellschaft eben auch.

 

Wieso hat ufuq.de sich für Jugendliche und nicht für Erwachsene als Zielgruppe entschieden?

Hat es etwas mit der Erreichbarkeit von Jugendlichen zu tun?

 

Die primäre Zielgruppe sind ja Erwachsene, allerdings jene, die in erster Linie mit Jugendlichen arbeiten. Dass Jugendliche letztlich die Hauptaufmerksamkeit haben, liegt an der Identitätssuche, die jeder Jugendliche auf verschiedene Weise durchlebt. Es geht um eine Orientierungssuche: Wer bin ich? Wo komme ich her? Welche Zukunft erwartet mich? In dieser Phase sind Jugendliche ansprechbar für jegliche Form identitätsstiftender Konzepte – und damit auch für religiöse Extremismen.

Meine persönliche Meinung ist, dass es eher Zufall ist, ob Jugendliche, die sich unsicher sind, Krisen durchleben oder sich verloren fühlen, bei Rechtsextremen oder bei Salafisten landen. Interessanterweise sind viele extreme Salafisten ideologisierte Konvertiten. Solche Strömungen vermitteln auch ein Gefühl von Verstandenwerden, Zugehörigkeit und Gruppendynamik. Das, was manchen Jugendlichen vielleicht fehlt.

 

Wie erklären Sie sich den Mangel an Angeboten in diesem Bereich?

 

Wir setzen vor der Ideologisierung an und bringen mit verschiedenen Themen konstruktive Gespräche und Reflexionen in Gang. Manche Fragen und Einschätzungen entstehen aus Unwissenheit. Einige Leute denken, dass Scharia im Islam nicht mit dem Grundgesetz zusammenpasst. Wer sich damit auseinandersetzt, kommt zu Erkenntnissen, die das friedliche Zusammenleben fördern. Deswegen hat ufuq.de ein Alleinstellungsmerkmal in diesem Bereich. Viele Fragen lassen sich aber auch mit anderen Programmen der Demokratiearbeit angehen, ohne dass man spezifisch auf Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus eingehen muss. Aber wir merken aus den Anfragen der letzten Zeit, dass es genau diese Schnittmenge an Wissen und pädagogischer Erfahrung ist, die von vielen Pädagog_innen, Behörden aber auch Medien angefragt wird.

 

Wie kann eine größere Menschenmenge, auch Erwachsene, erreicht werden, um diese Prävention zu leisten?

 

Die Multiplikator_innen, die wir laut ministeriellem Auftrag erreichen, kommen aus der Lehrerschaft, der Jugendsozialarbeit, der Schulberatung, der Flüchtlingsarbeit und der offenen Jugendarbeit. Wir sind nicht alleine, sondern es gibt diverse Partner in diesem Bildungsnetzwerk, mit denen wir eng kooperieren. Das Ministerium koordiniert derzeit z.B. Informationsveranstaltungen, mit denen die unterschiedlichen Jugendämter, die Jugendsozialarbeit in Schulen und andere Einrichtungen in Bayern komprimiert informiert werden sollen. Auch durch Öffentlichkeits- und Pressearbeit erreichen wir eine Vielzahl von Bürger_innen.

 

Wie gehen Sie in Ihren Workshops mit kontroversen Themen um?

 

Es ist wichtig, dass man aktuelle Themen anspricht und Raum für Dialog schafft. Wenn man Themen vermeidet, kochen die Emotionen hoch und diese werden dann unmoderiert zwischen den Jugendlichen ausgetragen. Wenn in der Diskussion etwas unklar ist oder wenn es pauschalisierend oder aggressiv klingt, kann nochmal nachgefragt werden: Was ist denn eigentlich das Anliegen, das Bedürfnis oder die Angst hinter dieser Frage oder Aussage? Aktives Zuhören bewirkt da oft schon Wunder.

 

Was sind Ihre langfristigen Ziele für die Organisation?

 

Langfristig wollen wir ein Multiplikator_innen-Netzwerk aufbauen, das sich über das Themenfeld intensiv austauscht und sowohl Ansätze als auch Projektideen entwickelt. Bisher bieten wir die Workshops für Jugendliche nur in Augsburg und Schwaben an. Das langfristige Ziel ist es, dieses Konzept in die Fläche ganz Bayerns zu tragen. Mit den Fortbildungen für Multiplikator_innen sind wir bereits bayernweit unterwegs.

 

Was wünschen Sie sich für eine Entwicklung von der Gesellschaft? Wie soll sie in 5 Jahren aussehen?

 

Es ist bei den aktuellen Krisen nicht abzuschätzen, was die Zukunft mit sich bringen wird. Was uns jedoch freut sind die offenen und lösungsorientierten Gespräche mit dem Bayerischen Sozialministerium, das beim Thema Salafismusprävention bedarfsorientiert und vernetzt mit anderen Ministerien vorgeht. Für das Bayerische Präventions- und Deradikalisierungsnetzwerk gegen Salafismus wurden vier verschiedene Ministerien - Sozialministerium, Innenministerium, Justizministerium, Kultusministerium - hinter dieses Präventionsprojekt gebracht und das ist in Politik und Verwaltung eher ungewohnt.

Dadurch steckt aber auch viel Erwartung hinter der gemeinsamen Arbeit. Prinzipiell wünschen wir uns, dass es auch zukünftig in anderen Bereichen diese Kooperation und Zusammenarbeit gibt.

Wir sind eine Gesellschaft - es gibt nicht DIE Muslime und nicht DIE Anderen. Wenn wir es als Pädagog_innen schaffen, diese Differenzierungen hinter uns zu lassen, können wir vermitteln und dann sind auch auf Erwachsenenebene in den nächsten Jahrzehnten friedliche Perspektiven des Zusammenlebens zu erwarten.

 

Wie kann man wirklich das Gefühl vermitteln, dass eine Gesellschaft mit so vielen neuen Menschen umgehen kann?

 

Aufeinander zugehen und konstruktiv an guten Grundlagen des Zusammenlebens arbeiten ist die beste Lösung. Die meisten Probleme und Ängste entstehen dort, wo die Leute nicht miteinander reden können bzw. keine Gemeinsamkeiten entdeckt werden können. Jene, die sich für Demokratie und ein friedliches Zusammenleben engagieren, zeigen, wie stabil unsere Gesellschaft ist. Meinungsunterschiede und divergierende Lebensweisen dürfen nicht gleich mit Extremismus verwechselt werden und muss eine demokratische Gesellschaft aushalten können.

 

 

Geführt von Nora Giersiepen

 

Gelesen 274 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 06 Juli 2017 11:08
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